Gartenbahnhersteller: Osten hui – Westen pfui?

Die aktuelle Vorstellung der Neuerscheinungen für 2016 verleitet vielleicht den einen oder anderen zu der Annahme, Produkte ostdeutscher Hersteller würden bei Besprechungen wohlwollender behandelt.

Aktuelle Beispiele sind die Schmalspurlok 99 6101 der HSB (Pfiffi) von Trainline sowie die BR 132 (Ludmilla) von Piko.

Während man an der Pfiffi in Modellbahnerkreisen manche Unstimmigkeit feststellt, kommt die Ludmillia scheinbar gut davon, da kaum Negatives zu lesen ist.
Ist das wirklich so oder unterliegen wir nur einer Täuschung?

Um das zu untersuchen, müssen wir einen Schritt zurück gehen und definieren, was eigenlich ein „G-Spur-Modell“ ist.

Maßstab – ganz einfach!

Im Maßstab 1:22,5 werden auf 45-mm-Gleisen Vorbild-Schmalspurfahrzeuge mit einer Spurweite von 1000 mm (Nenngröße IIm) dargestellt. Zu Regelspurfahrzeugen im selben Maßstab gehören entsprechend 64-mm-Gleise (Nenngröße II).
Regelspur auf 45 mm breiten Gleisen bedingt somit einen Maßstab von 1:32, eben so, wie es die Nenngröße I vorgibt.

Nachlesen kann man das in den Normen Europäischer Modellbahnen, an denen nicht nur Maßstabsfetischisten arbeiten, wie manche unken könnten, sondern die Hersteller selbst im eigenen Interesse und das nicht nur in Europa, denn weltweit hat man sich auf Standards geeinigt, damit Fahrzeuge, Gleismaterial und Zubehör (vom Tunnel bis zur digitalen Mehrzugsteuerung) aufeinander abgestimmt sind und kombinierbar bleiben.

Piko und LGB versuchen es bei der Regelspur mit einen Kompromiss, besser mit einer Maßstabssuppe, damit diese Produkte zu den langläufig gehandelten Schmalspurfahrzeugen „passen“: Man bedient sich der Maßstäbe zwischen 1:25 bis 1:29, gerne auch vollkommen gemischt an einem Modell.
Das nennt sich dann „G-Spur“, denn das Kind muss ja einen Namen haben.

„G-Spur“ wie „Gummi“

Das führt zwangsläufig zu dem Problem, sich erst im Klaren sein zu müssen, aus welcher Perspektive der Produkt-Designer die Lok nun bei der Qualitätskontrolle und Maßstabsprüfung gesehen und für richtig befunden hat.
Von der Seite erscheint so eine Regelspur-G-Lok verkürzt, damit sie zur reduzierten Breite passt. Die Höhe stimmt ebenfalls nicht, da sie angeglichen werden muss an die der Schmalspurfahrzeuge, die naturgemäß kleiner sind.
Ein typisches Beispiel hierfür ist die Diesellok V 100 von LGB, die in keiner Perspektive so richtig gut ausschauen will, es sei denn, „irgendwie schräg von vorne unten links nach rechts hinten oben“ … oder die BR 199.8 (ebenfalls eine Diesellok) von Piko, auch Harzkamel genannt, das auf Regel- und auf Schmalspurgleisen anzutreffen ist, aber im Maßstab je nach Bauteil oder Baugruppe mit 2 und 15 Prozent daneben liegt bzw. zu klein ist, damit weder zu Regelspur- noch Schmalspurwagen wirklich passen will und im Niemandsland zwischen Nenngröße I und II bzw. IIm liegt.

Wie man es bzw. die Loks auch wendet und dreht, etwas Homogenes entsteht dabei nicht.

Ein Vergleich Schmalspur und Regelspur:

Ein schönes Beispiel beim Vorbild ist in diesem Video zu sehen, bei dem Schmalspur- und Regelspurzüge nebenher fahren. So werden einem die Größenunterschiede klar und man erkennt, Regelspur und Schmalspur auf dem gleichen Gartenbahngleis macht doch irgendwie keinen Sinn.

(Quelle: Youtube https://www.youtube.com/watch?v=7zRvNRdzETk)
Links die 99 633 der Oechslebahn auf 750-mm-Schmalspur, rechts die 01 1066 auf Regelspurgleis.

Man könnte den Versuchen von LGB und Piko noch etwas abgewinnen, wenn denn die Regelspurfahrzeuge in einem durchgängen Maßstab wie 1:29 gehalten wären, so wie es teils bei amerikansichen Produzenten üblich ist (z.B. 1:20,3 für Waldbahn, 1:29 für Regelspur auf 45 mm). Diese Fahrzeuge würden zwar ebenfalls nicht zu den Schmalspurfahrzeugen passen, wären aber in ihrem eigenen Maßstab wenigstens vergleichbar und aufeinander abgestimmt.

Das scheint von den deutschen Herstellern, sofern sie sich selbst unter „Spur G“ einsortieren, nicht gewollt, egal ob in Ost oder West ansässig.

… und daher …?

Daher erübrigt es sich auch, über die Modelle, die Regelspur in „G“ darstellen, weiter zu schreiben. Messen wird man sie nicht können, da es keinen einheitlichen Maßstab anzulegen gibt. Vielleicht könnte man sich noch über die Detailierung und Verarbeitungsqualität unterhalten. Eine Besprechung im Vergleich zum Original scheidet aber so regelmäßig aus.

Piko wird in den Besprechungen der Modellbauer (Nenngröße II oder IIm) daher weiterhin kaum bis garnicht erscheinen und entsprechend weniger „Schelte“ einstecken als z.B. LGB und Trainline, die Schmalspurfahrzeuge anbieten und sich an Vorbildern auf 1000 mm Spur orientieren.

Hauptsache „stimmig“?

Das mag von den sogenannten Schachtel-, Spiel- oder Spaßbahner anders bewertet werden, denn diese Gattung von Gartenbahnern scheint mir von Haus aus eher gleichgültiger zu sein, was die fehlende Vorbildtreue betrifft.
Und bei einer Spielbahn, so habe ich inzwischen gelernt, genüge es laut Wortmeldungen in einem großen Forum, Modelle in Armlänge, besser sogar mit 3 m Abstand zu betrachten um sie, falls dann nichts Störendes festgestellt werden kann, beruhigt als „stimmig“ zu klassifizieren, was immer das auch heißen mag.

In soferen hätte Piko doch alles richtig gemacht und somit der Osten gegenüber dem Westen die Nase vorn: Von den Liebhabern des Maßstäblichen mißachtet und den Befürwortern der bloßen „Stimmigkeit“ zutiefst verehrt.

Dass diese Beliebigkeit im Gebrauch von Maßstäben unser Hobby in die Zeit von vor 50 Jahren zurückwirft, ist dann auch wohl nur konsequent – Verzeihung – „stimmig“.

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