Die dreifache Franzburg

Zu einem seltenen Treffen kam es bei einem Fahrtag mit der Dampflok Franzburg beim Deutschen Eisenbahn Verein (DEV) in Bruchhausen-Vilsen: Da war diese Meterspurlok gleich dreifach zu bestaunen, nämlich als Original und jeweils als Kopie im Maßstab 1:22,5 sowie „G“.

Franzburg, Quelle: Holger Gatz, 2016

Franzburg, Quelle: Holger Gatz, 2016

Während das Handarbeitsmodell von Hans-Jürgen Eicke die Franzburg im Reichsbahnkleid zeigt, orientiert sich das Großserien-Modell von LGB am aktuellen Aussehen dieser beliebten Lok. Das Handarbeitsmodell traf sein Vorbild zwecks Fototermin, wobei im nahen Gartenlokal das Modell von LGB als Zubringer für Getränke seinen Dienst tut.

Was lag also näher als die dreifache Franzburg zu vergleichen?

Zur Geschichte der Franzburg

Quelle: Holger Gatz, 2016

Franzburg, Quelle: Holger Gatz, 2016

Dieser Typ „Pommern“ einer Meterspurlok wurden von der AG Vulcan in Stetin – eigentlich eine Schiffswerft, die aus ihrer Auftragsnot heraus ab 1859 auch Lokomotiven baute – in der Zeit von 1893 bis 1902 für die Bahnbetriebsgesellschaft Lenz & Co. hergestellt und geliefert. Von diesen insgesamt 38 Exemplaren sind nur noch zwei erhalten: Die eine als 99 5606 war seit 1972 auf dem Betriebsgelände der Firma Lehmann in Nürnberg abgestellt, bis die Produktion dort 2009 aufgegeben wurde, sie ist weiterhin in privater Hand in Schwäbisch Gmünd; die andere Dampflok – unsere spätere Franzburg –  wurde mit fünf anderen ihres Typs an die Franzburger Kreisbahn (FKB) geliefert und tat fortan als Lok 4i ihre Arbeit, später dann ab 1940 im Zuge der Eingliederung der FKB in die Pommerschen Landesbahnen als Lok Nr. 122.

1949 übernahm die Reichsbahn die Privatbahnen im Ostteil des geteilten Deutschland. Also versah die Dampflok ihren Dienst an der Ostseeküste nahe Stralsund ab 1950 mit der Nummer 99 5606 im Reichsbahnkleid  und gehörte zum Betriebswerk Barth. Im Frühjahr 1968 wurde sie ausgemustert. Als Erwerb eines Freizeitparks bei Düsseldorf kam sie 1973 in den Westen. 1980 ging die Meterspurlok, inzwischen nicht mehr betriebsfähig, an den DEV in Bruchhausen-Vilsen.
Dort wurde sie in zweieinhalbjähriger Arbeit wieder betriebsfähig gemacht und versieht als Franzburg seit dem 19. Juni 1980 ihren Dienst, nunmehr schon wieder über 35 Jahre und das bei einem Alter von stolzen 122 Jahren!

Das Modell – in der Version von LGB, Artikel-Nr. 20181

Quelle: Holger Gatz, 2016

Vobild, Quelle: Holger Gatz, 2016

Der Großserienhersteller LGB hat als Vorbild die aktuelle Version des DEV gewählt, just mit dem gleichen Revisionsdatum wie das Vorbild.

Trotzdem viele Details gezeigt werden, kommt die Lok nicht über den Charme einer Atlas, Anna oder Otto aus der Toytrain-Einstiegsserie von LGB hinaus. Das liegt zum einen an den fehlenden Bremsschläuchen, den übergroßen und überzähligen Laternen und deren lieblose Ausführung, im Wesentlichen aber an den mißlungenen Proportionenen.

So ist das Modell in das Raster von 250 mm Länge über Puffer gepresst worden, wie man es aus dem ToyTrain-Programm kennt, und damit gut 14 mm zu kurz, wohingegen die Breite überdimensioniert wurde, so dass diese Franzburg eher als Schwester der Altas oder als aufgrüstete Otto erscheint denn als Modell ihres Vorbilds. Dazu tragen auch die zu hohen Kohlenkästen bei und der Umstand, aufgrund der Kürze des Modells zusätzlich alle Längen stauchen zu müssen.

Quelle: Holger Gatz, 2016

LGB-Serienmodell, Quelle: Holger Gatz, 2016

Das Gestänge ist viel zu wuchtig. Zwar ist der biegsame Kunststoff für den harten Einsatz im Garten vorteilhaft, aber als B-Kuppler, der über beide Achsen angetrieben wird, sind kaum Verwindungen zu befürchten, so dass das Fahrgestell durchaus feiner hätte ausfallen können, wie an der doch teils dünneren Ausführung einiger Teile zu erkennen ist.

Der Listenpreis beträgt im LGB-Online-Shop knapp 550 EUR, im Online-Handel ist das Modell schon für ca. 470 EUR zu bekommen, wobei ich auch schon ein Sonderangebot gesehen habe, bei dem der Preis bis auf 350 EUR gesenkt wurde.

Die Franzburg – als maßstäbliches Handarbeitsmodell

Quelle: Holger Gatz, 2016

Handarbeitsmodell, Quelle: Holger Gatz, 2016

Quelle: Holger Gatz, 2016

Vorbild, Quelle: Holger Gatz, 2016

Mit der Betriebsnummer 99 5605 ausgestattet, gibt das Modell von Hans-Jürgen Eicke die Version zur Reichsbahnzeit von 1950 bis 1968 wieder.

Entsprechend ist die Lok mit schwarzem Anstrich versehen und trägt kleinere Loklaternen, davon auch nur zwei jeweils vorne und hinten. Hier hat LGB das Modell jeweils mit drei Laternen ausgerüstet, die vorne korrekt in unterschiedlichen Größen angebraucht sind, aber hinten einfach zu viel und zu groß sind.

Länderbahn- und Epoche-II-Freunde wissen, dass vorne und hinten zwei Loklampen vollauf genügen, genau so, wie die Franzburg jetzt unterwegs ist, denn die dritte Lampe in Fahrtrichtung diente lediglich der speziellen Signalisierung, war somit nur in Sonderfällen in Gebrauch und die dritte Laterne hinten ist schlichtweg überflüssig.

Beim Handarbeitsmodell fällt gleich die zierliche Form der Lok auf, die so auch dem Original entspricht. Das ganze Modell ist schmaler und länger als die LGB-Version und auch die Kohlenkästen sind niedriger.
Der Schornstein ist korrekt schlank. Das dünne Antriebsgestänge aus Metall verleiht dem Fahrgestell seine Leichtigkeit, obwohl hinsichtlich der Wartung und Ersatzteilbeschaffung ebenfalls ein LGB-Antrieb im Handarbeitsmodell verbaut wurde. Dieser Standardantrieb ist sogar gut für das Modell geeignet, da der Achsabstand ledig um 1 mm und der Raddurchmesser um 2 mm zu groß sind.

Im Grunde hätte LGB ein ebenso ansprechendes Modell abliefern können, denn das Potential war vorhanden, wurde aber nicht genutzt, bzw. hinsichtlich der Proportionen sogar verschenkt.

(Alle Preisangaben Stand Juli 2016)

Zum Abschluß noch einmal alle drei Loks:

Quelle: Holger Gatz, 2016

Handarbeitsmodell und LGB-Serienmodell, Quelle: Holger Gatz, 2016

Quelle: Holger Gatz, 2016

Vorbild, Quelle: Holger Gatz, 2016

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